11 Jahre danach weine ich wieder. Diesmal aber nicht aus hoffnungslosem, unstillbarem Schmerz, sondern aus purem Glück. Ja, ich bin der glücklichste Mensch der Welt, auch wenn ich dieses Gefühl - heute wie damals - wahrscheinlich mit Zigtausenden anderen teile. Ich bin gestern, etwas, das mir noch nie passiert ist, im Kahn-Trikot schlafen gegangen. Besondere Tage erfordern eben besondere Taten. Ich bin mit einem Lächeln auf dem Gesicht eingeschlafen. Und heute strahle ich mit der Sonne um die Wette. Was heißt um die Wette? Mein Strahlen stellt das der Sonne heute locker in den Schatten. Und die Sonnenbrille ist heute ein reines Modeaccesoire - trotz gleißender Frühjahrssonne nur in den Haaren. Niemand, aber schon gar niemand, soll heute meine Augen nicht sehen, um die Spuren der vergangenen Nacht in meinem Gesicht gebracht werden. Dieser Tag ist zu schön, um das Gesicht hinter schwarzen Gläsern zu verbergen. Auch wenn sich mein linkes Bein anfühlt, als würde es nicht zu mir gehören (hat mich aber nicht daran gehindert, heute eine der höchsten Hacken anzuziehen) - das darf getrost in der Kategorie "Was tut man nicht alles aus Liebe" abgelegt werden. Der Jubelsturm in den Ersten Stock mußte gestern sein, den Ausrutscher nehm ich gern in Kauf. Er mußte genauso sein, wie der Piccolo gestern nacht. Tod, wo ist Dein Sieg, Tod, wo ist Dein Stachel?
Heute bin ich froh, daß mir auf dem Weg von Bushaltestelle zu Arbeit niemand (na gut, fast niemand) begegnet ist - nachdem ich es zum wiederholten Mal geschafft habe, die Mitpassagiere im Bus von mir fernzuhalten. Deren Flucht war übrigens äußerst Freiwillig*g*. Aber an solchen Tagen ist es ein absolutes Muß(!!!) "Stern des Südens" auf Anschlag zu hören. Wie auch gestern Spätnachts.
Und langsam, also heute, wird mir erst so richtig bewußt, was wir geschafft haben. 12 Stunden danach, realisiere ich erst richtig, was los ist - im Moment des Geschehens und in den Augenblicken danach war dir Freude zu groß, aber jetzt kommt es mir so richtig zu Bewußtsein: Wir sind unter den besten 4 Europas. Weiter, besser, als die zusammengekauften Truppen von Madrid, Chelsea, Mailand. Weiter als das angeblich so große Turin. Weiter als das angeblich nach Barcelona zweitbeste Team Europas - weiter als Manchester. Die angeblich unbezwingbaren, die jeder schon im Finale gesehen hat, rausgeworfen. Von uns. Von den Belächelten. Von der angeblichen No-Name-Truppe. Aber: wer braucht schon Namen unter den Spielern, wenn man ein Team hat, einen Trainer? Eindrucksvoll bewiesen: Es kommt nicht auf die Namen an, es kommt auf mehr an. Ein Rüpel Rooney, der weltbekannt ist, der angeblich der nach Messi (vor dem ich übrigens ganz tief den Hut ziehe und mich noch tiefer verneige) der beste Stürmer Europas und der Welt ist, in den Schatten gestellt vom vergleichsweise unbekannten Ivica Olic, von dessen Leidenschaft, dessen Einsatzwillen, dessen Herz und Gefühl sich Jeder, aber schon ausnahmslos Jeder (und das meine ich auch so!!!), eine fette Scheibe abschneiden kann. (Seit gestern überlege ich heftig hin und her, ob ich nicht statt nem Alaba-Trikot ein Olic-Teil will). Ein von Real Madrid, weil als zu schlecht befunden, verjagter Arjen Robben, der nun reihenweise die anderen aus dem Bewerb kegelt, weiter gekommen ist, als sein Ex-Verein. Welch schöne Geschichte. Regelmäßig schießt der angeblich so schwache Robben uns weiter, gegen wesentlich größere Gegner, als Real sie hatte. Das Kämpferherz eines Mark van Bommel, der Effenberg-gleich niemals aufgibt, der mitreißt und animiert. Wo sind solche Typen bei den anderen?? Ein Martin Demichelis, der die Zähne und noch viel mehr zusammenbeißt, mit gefühlten 1000 Gesichtsbrüchen spielt und keine Angst vor Kopfbällen hat und der es gerade rechtzeitig zu den wichtigen Spielen geschafft hat, sein Timing zu finden. Welcher andere Spieler mit solchen Verletzungen spielt nach 3 Wochen wieder? Sicher nicht jeder, und schon gar nicht der "Täter", der übrigens - welch süßes Gefühl - schon gar nicht mehr im Bewerb ist und sich sicher (auch ein bißchen Schadenfreude muß sein) giftet, weil sein ExVerein nun die größere Chance auf den Titel hat als er es je haben wird. Alles Typen, um die uns Europa, um die uns die Welt noch beneiden wird. Spätestens am 22. Mai um 22.45, wenn Mark dann "diesen Henkeltopf" in den Madrilener Nachthimmel reckt, umtost vom Plätschern des Cibeles Brunnen. (Bei aller Freude muß noch kurz bemerkt werden, ohne Jörg Butt hätten wir die Kiste gestern leicht gewonnen. Aber an Tagen wie diesen, verzeihen wir auch mal 3 entscheidende Patzer....).
Heute früh, das Aufwachen. Vor dem Wecker, aber dennoch diesen abgehen lassen und zwar bis zum Ende, nicht nach 2 Sekunden, wie sonst üblich draufgedrückt, nein extended version - "Stern des Südens". Das Gefühl auf der Haut - im Herz. Noch mal kurz die Augen geschlossen, Ivi und Arjen gesehen, die weinenden Manchesterfans. Ivi und Arjen, immer wieder Ivi und Arjen. Unsere Lebenslinie. Unser Herzschlag. Unsere Versicherung. Unsere Garantie. Unsere Reisekarte nach Madrid. Ivi und Arjen - zu tiefstem Dank verpflichtet.
Wenn es immer so schön ist wie gestern, dann will ich diese Saison noch oft weinen!!!
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